Mut ist eine Bitte: Von der unbeantworteten Nachricht ins Award-Finale
Ich bin vor ein paar Jahren durch den Englischen Garten spaziert, neben mir eine Freundin mit ihrer Kleinen im Kinderwagen, und habe einen Satz gesagt, an den ich mich bis heute erinnere:
„Ah nee, Tijen Onaran passt nicht zu uns.“
Ich habe mich selten so gründlich geirrt.
Der Umweg beginnt auf einer Tanzfläche
Die Geschichte fängt viel früher an, und zwar da, wo Geschichten anfangen, von denen man im Moment selbst nicht weiß, dass sie welche sind.
Donnerstagabend, Mannheim, der Innenhof des Schlosses. Schneckenhof. Ab neun füllt sich der Hof, Nebelmaschine, Bass an den Barockmauern, dreitausend Leute zwischen Cocktailständen und Kopfsteinpflaster, organisiert von Fachschaften, die das seit den Siebzigern durchziehen. Sieben Donnerstage im Semester, und man ging auf alle sieben.
Und weil zwischen Heidelberg und Mannheim keine zwanzig Minuten Zug liegen, war das nie nur eine Stadt. Man fuhr rüber, man kannte die Gesichter, man landete auf denselben Tanzflächen. Tijen hat in diesen Jahren in Heidelberg studiert. Ich war die Studentin auf dem Schneckenhof.
Wir haben uns dort gekreuzt, wie man sich mit zweiundzwanzig eben kreuzt: ohne Notiz, ohne Visitenkarte, ohne die geringste Ahnung, dass das irgendwann eine Rolle spielt. Man weiß nie, welche Tür eine Tür ist. Man geht einfach durch ziemlich viele.
Der Moment, in dem ich gefragt habe
Im März dieses Jahres saß ich abends vor einer leeren LinkedIn-Nachricht. familymind war seit Weihnachten in den App Stores, wir wuchsen, und wir brauchten Menschen, die früh an uns glauben. Ich wollte eine bestimmte Person an unserer Seite.
Also habe ich ihr geschrieben. Ich habe mit dem Schneckenhof angefangen, weil es wahr war und weil es albern war. Ich habe erklärt, warum niemand KI für das komplexeste System überhaupt baut: die Familie. Ich habe geschrieben, warum das kein Nischenthema ist, sondern einer der größten Gründe, warum Frauen ihre Karriere abbrechen.
Und dann habe ich den Satz geschrieben, auf den ich rückblickend am stolzesten bin:
Wenn du nicht die Richtige bist: Kennst du jemanden, der es ist?
Das ist der ganze Trick. Eine Bitte, die der anderen Person eine Tür offen lässt, ist keine Zumutung mehr. Sie ist ein Angebot.
Dann habe ich auf Senden gedrückt, das Handy weggelegt und mich ein bisschen geschämt.
Und dann: nichts
Sie hat nicht geantwortet. Nicht am nächsten Tag, nicht in der Woche darauf, nicht im April. Ich habe das Gespräch noch ein paarmal aufgemacht, so wie man das macht, und irgendwann habe ich aufgehört, es aufzumachen.
Ich will das nicht schönreden. Es fühlt sich mies an. Man schreibt so eine Nachricht ja nicht nebenbei, man überlegt sich jeden Satz, man streicht das Wort „vielleicht“ dreimal raus, man drückt auf Senden, als würde man springen. Und dann passiert einfach gar nichts, und das Nichts ist lauter als ein Nein. Ein Nein kann man einordnen. Stille muss man aushalten.
Also habe ich weitergemacht. Nicht heroisch, sondern weil Dienstag war und die App nicht von allein besser wird.
Fünf Monate später kam eine Mail
familymind stand in den Top 3 des Mut Maker Award 2026, in der Kategorie Mut meets Technologie, unter rund 500 Einreichungen. Ausgerichtet wird der Award von Global Digital Women und The Onaran Company. Also von ihr.
Als die Mail kam, habe ich sie dreimal gelesen. Dann habe ich Mousa angerufen, und wir haben beide erstmal nichts gesagt.
Was ich daraus gelernt habe
Nicht: Netzwerken lohnt sich. Das weiß jeder, und es hilft niemandem.
Sondern das hier: Ich hatte keine Ahnung, welche Tür welche ist. Ich habe eine Person jahrelang für unpassend gehalten, deren Award mich später unter die letzten drei von 500 bringen würde. Ich habe eine Tanzfläche für eine Tanzfläche gehalten. Und ich habe eine Nachricht geschrieben, von der ich dachte, sie führt zu einem Investment. Sie hat zu keinem Investment geführt und trotzdem alles verändert.
Die Bitte war nicht umsonst, nur weil sie unbeantwortet blieb. Das ist der Teil, den ich mir selbst vor fünf Jahren gern gesagt hätte: Du kannst die Antwort nicht kontrollieren. Du kannst nur kontrollieren, ob du fragst. Und eine Frage, die niemand beantwortet, ist trotzdem in der Welt.
Manchmal führen Umwege ans Ziel. Aber nur, wenn man sie geht.
Warum Mut hier das richtige Wort ist
Mut heißt für mich nicht, keine Angst zu haben. Mut hieß: nach sieben Jahren Microsoft gehen, weil Vereinbarkeit dort für mich nicht mehr funktioniert hat. Ein Produkt bauen für Arbeit, die niemand sieht und für die es lange nicht einmal ein Wort gab. Weitermachen, obwohl wir oft genug gescheitert sind.
Aber ehrlich? Das Mutigste in diesem Jahr war eine LinkedIn-Nachricht an eine Frau, von der ich mal behauptet hatte, sie passe nicht zu uns. Und das Zweitmutigste war, sie zu fragen, ob ich diese Geschichte erzählen darf.
Man wird nicht mutig, indem man große Dinge tut. Man wird mutig, indem man kleine Dinge fragt, bei denen man sich blamieren kann.
Mut ist selten laut. Meistens ist er eine Bitte, die man auch hätte lassen können.
Warum jetzt
Weil KI gerade im Familienalltag ankommt und sich genau jetzt entscheidet, wofür sie dort eingesetzt wird. Für noch eine App, in die jemand alles eintippt. Oder für die Schicht darunter: das Vorausdenken, das Erinnern, das Nachhalten. Die Arbeit, die auf keiner Liste steht und trotzdem jemanden müde macht.
Wer bei euch zu Hause an alles denkt, kennt diese Arbeit. Sie steht auf keinem Plan, sie wird bei keinem Abendessen erwähnt, und genau deshalb wiegt sie so schwer.
Wie es ausgegangen ist
Am 29. Oktober stand ich in der BMW Welt in München, als eine von drei Finalistinnen in der Kategorie Mut meets Technologie. Gewonnen hat Nina Moghaddam, und ich habe ihr von Herzen gratuliert.

Fotos: Andrea Heinsohn
Auf dem Heimweg habe ich gemerkt, dass ich mich nicht fühle wie jemand, der verloren hat. Diese Geschichte hat nie vom Gewinnen gehandelt, sondern vom Fragen. Eine Nachricht, auf die nie eine Antwort kam, hat mich auf eine Bühne gebracht, mit der ich nie gerechnet hätte. Und das Thema, für das wir dort standen, die unsichtbare Arbeit in Familien, war an diesem Abend für ein paar Minuten für alle sichtbar. Dass eine Jury es unter die letzten drei von 500 gestellt hat, sagt vor allem eines: Das Thema ist angekommen.
Dieses Finale gehört nicht mir allein. Es gehört Mousa, unserem Team, unseren Familien und ehrlich gesagt jedem, der gerade auf eine Antwort wartet, die nicht kommt, und trotzdem weitermacht.
Wie ist die mentale Last bei euch verteilt? Der Test dauert 2 Minuten: familymind.ai/de/mental-load-score
