Mental Load in der Familie: eine Frage des Systems, nicht der Kraft

Es ist Sonntagabend, die Kinder schlafen endlich, und eigentlich ist Feierabend. Trotzdem läuft im Kopf weiter eine Liste mit. Die Turnsachen müssen noch in die Wäsche, das Geschenk für den Kindergeburtstag fehlt, und hat schon jemand der Kita geantwortet? Die andere Person auf dem Sofa schaut entspannt eine Serie. Niemand hat etwas falsch gemacht, und trotzdem ist einer von beiden auf eine Art müde, die Schlaf nicht behebt.

Genau um dieses Gefühl ging es in der neuen Folge von Shared by Design. Ich habe mit der Psychologin Janna Sartingen gesprochen, der Gründerin von Praevenio, dem Institut für Psychoedukation. Praevenio möchte psychologisches Wissen dorthin bringen, wo Familien ohnehin sind, also in Familien, Schulen und Kitas. Die ganze Folge findet ihr auf dem YouTube-Kanal von familymind.

Mental Load ist keine persönliche Schwäche

Der Gedanke, der sich durch das ganze Gespräch zieht, ist schnell erzählt und trotzdem befreiend. Janna beschreibt psychische Belastung als Frage des Systems und nicht als Aufgabe, die jede und jeder allein lösen muss. Wenn eine Person in der Familie dauerhaft überlastet ist, liegt das selten daran, dass sie sich schlechter organisiert. Viel häufiger laden die Strukturen um sie herum einfach zu viel Verantwortung bei ihr ab.

Janna erklärt außerdem, dass viele Systeme von einem vermeintlichen Standardmenschen ausgehen. Schulen, Arbeitgeber und auch Familienroutinen sind oft so gebaut, als hätten alle dieselben Bedürfnisse, dieselbe Energie und dieselbe Zeit. Wer davon abweicht, gleicht die Lücke still aus, und genau dort wächst der Mental Load.

Das Beispiel Wäsche und die unsichtbare Arbeit

Besonders greifbar wird das an einem Beispiel, das Janna in der Folge bringt. Wäsche ist nicht nur Waschen. Bevor die Maschine läuft, hat jemand bemerkt, dass der Korb voll ist, daran gedacht, dass das Lieblingsshirt bis Donnerstag sauber sein muss, und die Sachen nach Farben und Temperaturen sortiert. Bemerken, planen und sortieren sind Arbeit, auch wenn niemand sie sieht und keine Liste sie aufführt.

Deshalb fühlt sich eine fair verteilte To-do-Liste manchmal trotzdem ungerecht an. Die Aufgaben sind geteilt, das Denken davor aber nicht.

Wer kann eigentlich abschalten?

Für mich war das der stärkste Moment im Gespräch. Janna schlägt vor, den Blick auf Mental Load zu verschieben. Statt nur zu zählen, wer wie viele Aufgaben erledigt, lohnt sich eine andere Frage, nämlich wer in eurer Familie häufiger und besser gedanklich abschalten kann.

Diese Frage ist ehrlicher als jede Strichliste. Sie zeigt, wo die Verantwortung tatsächlich wohnt, auch wenn die Arbeit auf dem Papier gerecht aufgeteilt aussieht. Wenn ihr wissen wollt, wie das bei euch aussieht, hilft der Mental Load Score. Er dauert ungefähr drei Minuten und zeigt, wie die unsichtbare Planung in eurer Familie verteilt ist.

Eine kleine Übung, um Familienrollen sichtbar zu machen

Janna beschreibt, wie hilfreich es ist, familiäre Rollen und wiederkehrende Muster gemeinsam sichtbar zu machen, zum Beispiel indem man sie aufzeichnet. Daraus ist die folgende Übung entstanden. Sie ist von der Folge inspiriert und keine Methode von Praevenio.

Nehmt euch an einem ruhigen Abend zwanzig Minuten und ein großes Blatt Papier. Schreibt die wiederkehrenden Themen eurer Woche auf, etwa Wäsche, Essen, Arzttermine, Kita, Geschenke und Großeltern. Dann zeichnet ihr zu jedem Thema ein, wer es bemerkt, wer es plant und wer es am Ende erledigt. Oft landen die ersten beiden Spalten bei derselben Person, während sich die dritte ganz gut verteilt.

Sprecht anschließend nicht darüber, wer schuld ist, sondern darüber, welches Muster ihr seht und welches Thema eine andere Person ab nächster Woche komplett übernimmt, vom Bemerken bis zum Erledigen. Ein einziges Thema reicht für den Anfang. Wie ihr so ein Gespräch ohne Streit beginnt, haben wir in So sprichst du mit deinem Partner über Mental Load aufgeschrieben.

Drei Ideen für mehr Prävention im Familienalltag

Praevenio arbeitet nach Jannas Beschreibung in zwei Schritten. Zuerst geht es darum, die Bedürfnisse von Kindern verständlich zu machen, danach rückt das größere Umfeld der Familie in den Blick. Wichtig ist ihr die Abgrenzung zur Therapie. Familien bekommen psychologisches Verständnis und praktische Übungen für den Alltag.

Gegen Ende der Folge nennt Janna drei Ansätze, mit denen psychische Gesundheit in Familien früher gestärkt werden könnte.

  1. Psychologisches Grundwissen für Familien. Wer versteht, was hinter Stress, Wut oder Rückzug steckt, kann früher reagieren.
  2. Mehr Vernetzung mit dem Umfeld. Schule, Kita und Großeltern gehören zum System einer Familie und können Last mittragen, wenn sie einbezogen werden.
  3. Gemeinsam über Rollen, Werte und Zukunft sprechen. Viele Muster entstehen, weil nie jemand ausgesprochen hat, wie man es eigentlich haben möchte.

Zum Schluss empfiehlt Janna ein Buch über Erziehung, das Eltern idealerweise schon in der Schwangerschaft gemeinsam lesen oder hören. Welches das ist, verrät sie am Ende der Folge.

Wer kann bei euch abschalten?

Der Mental Load Score zeigt dir in etwa drei Minuten, wo die unsichtbare Denkarbeit in eurer Familie liegt.

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Worauf ihr in der Folge achten könnt

Wenn ihr nicht die ganze Folge auf einmal schauen wollt, helfen euch diese Stellen.

  • 1:29 Janna stellt Praevenio vor.
  • 1:59 Psychische Belastung als Systemfrage statt als Aufgabe des Einzelnen.
  • 3:44 Warum Systeme oft von einem Standardmenschen ausgehen.
  • 5:09 Das Beispiel Wäsche und die unsichtbare Arbeit davor.
  • 6:33 Wer häufiger und besser abschalten kann.
  • 10:08 Familienrollen und Muster gemeinsam sichtbar machen.
  • 12:00 Erst die Bedürfnisse der Kinder, dann das Umfeld.
  • 13:13 Was der Ansatz von Therapie unterscheidet.
  • 15:34 Drei Ideen für mehr Prävention.
  • 18:03 Eine Buchempfehlung für werdende Eltern.

Was das mit familymind zu tun hat

Wenn Mental Load eine Systemfrage ist, braucht es auch ein besseres System und nicht noch mehr Disziplin von der Person, die ohnehin an alles denkt. Genau dafür bauen wir familymind. Der Assistent behält eure Termine und Aufgaben im Blick, erinnert rechtzeitig, ist euch einen Schritt voraus und wird mit der Zeit zum Gedächtnis eurer Familie, sodass das Bemerken nicht mehr an einem einzigen Kopf hängt. Wer tiefer einsteigen will, findet im familymind Programm eine begleitete Form, Aufgaben in eurer Familie neu und fairer zu verteilen.

Der beste erste Schritt ist trotzdem der kleinste. Macht den Mental Load Score und schaut euch gemeinsam an, wer bei euch eigentlich abschalten kann.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet Mental Load in der Familie?

Mental Load ist die unsichtbare Denkarbeit hinter den Aufgaben, also bemerken, planen, sich erinnern und sortieren. Die Wäsche zu waschen ist sichtbar, zu merken, dass sie gewaschen werden muss, ist es meistens nicht.

Woran erkennt man, wie Mental Load verteilt ist?

Nicht nur an der Länge der To-do-Liste. Aufschlussreicher ist die Frage, wer in eurer Familie häufiger und besser gedanklich abschalten kann.

Was hilft vorbeugend gegen Überlastung in Familien?

In der Folge werden drei Ansätze genannt, nämlich psychologisches Grundwissen für Familien, eine stärkere Vernetzung mit dem Umfeld wie Schule, Kita und Großeltern und das gemeinsame Gespräch über Rollen, Werte und Zukunftsvorstellungen.